Aus der Geschichte des Reinoldus-Gymnasiums
I. Zeit: 1907 bis 1918:
"Am 10.02.1907 erschien in den Dortmunder Tageszeitungen folgende Bekanntmachung des Königlichen Provinzialschulkollegiums in Münster:
'Zu Ostern 1907 wird in Dortmund in dem an der Lindemannstraße gelegenen Neubau ein
Königliches Gymnasium
mit den drei unteren Klassen (VI, V und IV ) eröffnet. Die Leitung der Anstalt ist dem Oberlehrer Dr. Preising, zuletzt in Münster, übertragen.'
Dieser Eröffnung eines Staatlichen humanistischen Gymnasiums in Dortmund waren lang dauernde Bemühungen und Verhandlungen vorausgegangen. Im Jahre 1900 war in Münster ein staatliches humanistisches Gymnasium (das jetzige Schillergymnasium) errichtet worden. Es war zwar de jure als paritätische Anstalt gegründet worden, wurde aber […] vor allem den Belangen des evangelischen Bevölkerungsteiles Münsters gerecht. In Dortmund bestand nur ein humanistisches Gymnasium, und zwar das im 16. Jahrhundert gegründete Stadtgymnasium, dessen Lehrer- und Elternschaft zum überwiegenden Teil evangelisch war. Daher bemühten sich katholische Kreise in unserer Stadt - so wie in Münster neben dem altehrwürdigen Gymnasium Paulinum ein neues staatliches Gymnasium evangelischen Charakters entstanden war - auch in Dortmund die Neugründung eines staatlichen humanistischen Gymnasiums zu erreichen, das vorwiegend der Ausbildung der katholischen Schüler dienen sollte. Für die Gründung der neuen Anstalt setzten sich insbesondere der Verleger L. Lensing und der damalige geistliche Oberschullehrer am städt. Realgymnasium und spä-tere Generalvikar Jos. Rosenberg ein. Jahre vergingen, ohne daß die Angelegenheit recht vor-wärts ging. Schließlich aber schenkte die Stadt Dortmund den Bauplatz an der Lindemannstraße, die damals noch am Stadtrand durch fast unbewohntes Gelände verlief und eher einem Graben als einer Straße ähnlich sah. Zu Ostern 1907 war das Gebäude fertiggestellt, und die junge Anstalt konnte ihre Pforten öffnen. Ohne besondere Einweihungsfeier nahm die Schule ihre Arbeit auf. Kein Vertreter des Provinzialschulkollegiums, kein Vertreter der Stadt war zugegen. Lehrer und Schüler versammelten sich am 16. April 1907 in der Schule, dann zogen die katholischen Schüler zum feierlichen Gottesdienst in die Liebfrauenkirche, für die evangelischen Schüler fand eine Andacht auf der Aula statt. Nach den Gottesdiensten versammelten sich Lehrer und Schüler auf der Aula, wo der neue Anstaltsleiter, Oberlehrer Preising, die neue Schule „Deo, Musis, Patriae" weihte."
Den Alltag dieses jungen Gymnasiums und die Sorgen des Direktors bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 kann man aus seinen Mitteilungen an die Schüler und deren Eltern, abgedruckt in seinem Jahresbericht, erkennen:

Mitteilungen an die Schüler und deren Eltern
1. Das Schuljahr 1908 schließt Freitag, den 2. April.
2. Die Aufnahmeprüfung findet statt am Mittwoch, den 21. April, vormittags 8 Uhr. Die Prüflinge haben Feder und Papier mitzubringen, ferner ist vorzulegen a) der Geburtsschein oder das Familienbuch, b) das Abgangszeugnis der zuletzt besuchten Schule, c)der Impfschein bzw. Wiederimpfschein. Für die Aufnahme in die Sexta ist erforderlich: 1. Geläufigkeit im Lesen deutscher und lateinischer Druckschrift; 2. Fertigkeit, ein leichtes Diktat in deutscher und lateinischer Schrift leserlich und ohne grobe Fehler niederzuschreiben, 3. Sicherheit in den vier Grundrechenarten. – Das geeignetste Alter für den Eintritt in die höhere Schule ist das vollendete 9. Lebensjahr. Es empfiehlt sich, jeden Knaben vorher 4 Jahrgänge der Volksschule durchmachen zu lassen. Ein Knabe, der später einen praktischen Beruf ergreifen soll, wird am zweckmäßigsten einer Realanstalt zugeführt. Soll ein Knabe mit 14 Jahren die Schule verlassen, so tun die Eltern am besten, ihn solange in der Volksschule zu lassen, wo er eine in sich abgeschlossene Schulbildung erhält.
3. Der regelmäßige Unterricht beginnt Donnerstag, den 22. April, morgens um 9 Uhr, nachdem um 8 Uhr die katholischen Schüler einem Hochamt in der Liebfrauenkirche, die evangelischen Schüler einer Andacht auf der Aula beigewohnt haben.
4. Wenn ein Schüler durch Krankheit oder sonstigen Notfall verhindert wird, die Schule zu besuchen, so ist davon im Laufe des ersten Tages dem Ordinarius mit Angabe des Grundes schriftlich oder in sonst glaubwürdiger Form Anzeige zu erstatten. Bei der Rückkehr hat der Schüler dem Ordinarius eine schriftliche Entschuldigung seitens des Vaters oder dessen Stellvertreters unter Angabe der Dauer und des Grundes der Versäumnis vorzulegen und bei jedem Lehrer, dessen Stunden er versäumt hat, sich zu melden.
5. An dieser Stelle seien die Eltern auch darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, mit der Schule in steter Fühlung zu bleiben. Die Eltern wollen deshalb frühzeitig innerhalb der einzelnen Tertiale durch Rücksprache mit den Lehrern über Fortschritte, Fleiß und Betragen ihrer Söhne Erkundigungen einziehen. Ein jeder Lehrer ist zu Auskunft gern bereit, doch empfiehlt es sich, dass die Eltern ihren Besuch vorher anmelden. Dagegen wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass Besuche 5 oder 6 Wochen vor der Versetzung durchaus zwecklos sind.
6. Jede Reinschrift enthält auf der ersten Seite einen Vermerk, an welchem Tag der Woche das Heft in den Händen der Schüler ist. Die Eltern werden gebeten, regelmäßig Einsicht von den Heften zu nehmen, um so stets einen Überblick über die schriftlichen Leistungen ihrer Söhne zu haben.
7. Privatunterricht soll ein Schüler nur in Ausnahmefällen erhalten; wird er aus irgendeinem Grunde gewünscht, so ist es ratsam, dass die Eltern sich vorher ins Einvernehmen mit der Schule, insbesondere mit dem Ordinarius setzen.
8. Um namentlich den auswärtigen Schülern Gelegenheit zu geben, bei schlechter Witterung die Strümpfe wechseln zu können, ist ein besonderer Schrank zur Aufbewahrung trockener Strümpfe angeschafft. Die Eltern werden im Interesse der Gesundheit ihrer Kinder gebeten, zahlreich von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen.
9. Es ist dringend anzuraten, die Kinder zu gewöhnen, sich frühzeitig schlafen zu legen; nur so kann der Schüler am anderen Tag frisch an die Schularbeit gehen. Es kann auch nicht genug davor gewarnt werden, die Schüler erst abends, wo möglich nach dem Abendessen, die Schularbeiten anfertigen zu lassen. Nur wenn Schule und Haus mit einander arbeiten, kann die Erziehung wirksam sein. Daher bittet der Unterzeichnete die Eltern, auf die sorgfältige Beachtung der Schulordnung mit bedacht zu sein und erklärt sich gern bereit, den Angehörigen seiner Schüler nach Kräften mit Rat zur Seite zu stehen.
10. Es empfiehlt sich, Schulbücher nicht eher anzuschaffen, als bis von dem Fachlehrer das Nötige darüber mitgeteilt ist.
Dr. Preising,
Gymnasialdirektor


"Am 13. und 14. 2. 1914 fand die erste Reifeprüfung statt. Alle elf Oberprimaner waren zur Prüfung zugelassen, allen wurde das Zeugnis der Reife zuerkannt.
Die Prüflinge hatten sich mit folgenden Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen:
Das Thema des deutschen Aufsatzes - Wahlthemen gab es noch nicht - lautete: 'Inwiefern hat Goethe den Charakter der Iphigenie in modernem Sinne umgestaltet?'
Im Lateinischen wurde eine Übersetzung aus dem Deutschen in die Fremdsprache verlangt.
Im Griechischen war Plato, Gorgias p. 523 f. zu übersetzen.
Eine der 4 mathematischen Aufgaben lautete: 'Ein Kirchturm in Dortmund, der 60 m hoch ist, wirft am 1. 2. 1914 einen 164,93 m langen Schatten. Uni wieviel Uhr findet die Beobachtung statt?'
Wenige Monate, nachdem die ersten Abiturienten die Schule verlassen hatten, unterbrach der Erste Weltkrieg die bis dahin ruhige Entwicklung [der] Schule. Es sollte fast 10 Jahre dauern, bis das Staatliche Gymnasium wieder unter normalen Verhältnissen seine Aufgaben erfüllen konnte. Nach Durchführung der ersten Reifeprüfung zu Ostern 1914 war das Staatliche Gymnasium durch Ministerialerlass endgültig als Vollanstalt anerkannt worden.
Bei Ausbruch des Krieges meldete sich die ganze Oberprima sofort zu den .Waffen. Am 1914 und an den folgenden Tagen wurde für sie die angeordnete Kriegsreifeprüfung durchgeführt. Allen 20 Prüflingen wurde die Reife zuerkannt.
34 Schüler aus den Klassen OI, UI, OII und UII traten schon im ersten Kriegsjahr in den Heeresdienst ein. Viele sollten ihnen Jahr für Jahr nachfolgen. Direktor Dr. Preising wurde schon bald eingezogen und mit der Leitung der militärischen Postprüfungsstelle in Dortmund und später mit der Führung der sog. Jugendkompanien beauftragt. Er behielt, so gut es ging, die Leitung der Anstalt bei und gab auch seine Unterrichtsstunden weiter. Auch vier Mitglieder des Lehrerkollegiums rückten ins Feld.
Störungen und Einschränkungen des Unterrichtsbetriebs waren unter diesen Umständen nicht zu vermeiden. Es kam hinzu, dass die an der Anstalt verbliebenen Lehrer und Schüler in verschiedener Weise in dem gebotenen Kriegshilfsdienst eingesetzt wurden. Zeitweilig fand jeden Morgen ein Appell des Hilfsdienstes am städtischen Gymnasium statt, und eine Reihe von Schülern wurde zu Botengängen zu Fuß oder mit dem Rade herangezogen. Einige Schüler wurden auch zur Erntehilfe aufs Land verschickt, kehrten jedoch bald zurück. Zahlreiche Schüler gehörten der Jugendwehr an, deren Führung der Direktor innehatte, andere wurden bei den Gold- und Liebesgabensammlungen als Helfer eingesetzt, sowie bei der Werbung für die Zeichnung von Kriegsanleihe. Der Chor der Schule [sang] in den Lazaretten für die Verwundeten.
Diese Sonderaufgaben, an denen sich die Schüler willig beteiligten, beeinträchtigten die Schularbeit erheblich. Infolge des frühzeitigen Eintritts vieler Oberstufenschüler in den Heeresdienst ging die Zahl der regelrechten Reifeprüfungen von Jahr zu Jahr zurück. Wenige Wochen nach Beginn eines neuen Schuljahres war die OI zumeist schon wieder leer. Auch die Gesamtschülerzahl ging in den Kriegsjahren zurück, sie erreichte jedoch in den Nachkriegsjahren schnell wieder die alte Höhe." Vier Lehrer und 18 Schüler kehrten aus dem Krieg nicht zurück.
Nachfolgende Übersicht gibt Aufschluss über die Anzahl der Schüler von 1908 bis 1924:

Jahr Gesamtzahl evangelisch katholisch einheimisch auswärtig
1908 105 14 91 70 35
1909 167 14 153 109 58
1910 205 21 184 129 76
1911 226 20 206 146 80
1912 269 30 239 166 103
1913 292 37 255 202 90
1914 314 38 276 224 90
1915 286 31 255 235 51
1916 287 37 249* 237 50
1917 264 41 223 216 48
1918 251 36 215 197 54
1919 282 39 243 218 64
1920 310 36 274 236 74
1921 343 40 302* 266 77
1922 335 29 305* 251 84
1923 317 23 294 241 76
1924 290 19 271 221 69

*) In den Jahren 1916, 1921, 1922 besuchte jeweils ein Schüler jüdischen Glaubens die Anstalt


II. Zeit: 1918 bis 1925:
"Der […] Ausgang des Krieges ließ eine schnelle Rückkehr zu normalen schulischen Verhältnissen nicht zu. Zahlreiche Schüler, die von der Schulbank ins Feld gezogen waren, strömten nun in die Schule zurück. Sie wurden in sog. Sonderkursen zusammengefasst, nach deren Besuch sie die Reifeprüfung ablegen konnten. Die Folgeerscheinungen des verlorenen Krieges, Lehrermangel, Ernährungsschwierigkeiten, Kohlennot, Epidemien und der allgemein schlechte Gesundheitszustand der Schüler machten zunächst ein erfolgreiches Arbeiten in der Schule fast unmöglich. Diese Schwierigkeiten der Nachkriegszeit trafen alle Schulen in gleicher Weise."
Für das "Staatliche Gymnasium" – so hieß das ehemalige "Königliche Gymnasium" seit dem Sturz der Monarchie 1918 – kam eine weitere Erschwernis hinzu. Im Frühjahr 1920 waren durch den sog. Kapp-Putsch im ganzen Deutschen Reich große innenpolitische Unruhen hervorgerufen worden. Besonders das Ruhrgebiet brauchte stärkeren polizeilichen Schutz. So wurde Schutzpolizei nach Dortmund verlegt und im Gebäude des Staatlichen Gymnasiums untergebracht. Als ihr Umzug 1923 anstand, kam es im März dieses Jahres zur französischen Besetzung des Ruhrgebietes. Nun diente das Schulgebäude bis Oktober 1924 den französischen Truppen als Kaserne. Der Unterricht fand im sog. städtischen Schulblock statt. Erst am 8.01.1925 wurde das alte Schulgebäude nach gründlicher Renovierung mit einer großen Feier wieder bezogen.
Neben diesen äußeren Erschwernissen musste das "Königliche Gymnasium", das jährlich den Geburtstag des Kaisers mit Festreden und patriotischen Festspielen - 1909 wurde z.B. der "Teutoburger Schlacht" gedacht, 1910 stand die Feier unter dem Thema "Deutschland zur See" und 1911 war sie Friedrich dem Großen gewidmet - gefeiert hatte und stolz auf Geschenke "Seiner Majestät" gewesen war - wie z.B. auf seine "in Marmor gehauene Büste" - ,den Wechsel von der Monarchie zur Weimarer Republik innerlich verkraften. Man darf annehmen, dass das nunmehr "Staatliche Gymnasium" – wie viele andere Gymnasien auch – die Demokratisierungstendenzen mit Unbehagen übernommen hat. Dies spiegelt auch ein Bericht über die Schülerselbstverwaltung in den Jahren 1921 bis 1924 wider:
„Schulgemeinde, Klassengemeinde, Schülerrat oder Schülerausschuss u.s.w., wie sich all diese Blüten, welche die Revolutionszeit so üppig getrieben hat, nannten, sind, soweit sie überhaupt jemals zur Entfaltung gekommen sind, längst abgestorben . […] Im übrigen sei zu der Frage der Selbstverwaltung bemerkt, daß unseren im allgemeinen schwerfälligen und unselbständigen Schülern die Selbstverwaltung wenig liegt. Sie zeigen weder besonderes Interesse noch besonderes Geschick bei ihrer Handhabung. Selten trifft ja auch die Wahl der Schüler den Schüler, der auch das uneingeschränkte Vertrauen seiner Lehrer genießt; ebenso selten fällt auch das Los auf den in den Leistungen besten Schüler. Vielfach sind rein äußere "Vorzüge" bestimmend, wie etwa ein großes Mundwerk, moderne Kleidung, gewandtes Auftreten und andere Äußerlichkeiten."

Angesichts der unruhigen und schwierigen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg kann man die Worte des neuen Direktors Dr. Widmann nachempfinden, der aufgrund des Einzugs in das renovierte Gebäude im Januar 1925 in seiner Festrede ein paar Wochen später sagte: "Den Gründern der Anstalt mag beim ersten Einzug ins Gebäude im Jahre 1907 das Herz nicht höher als uns am 8.01.1925 geschlagen haben, als wir gewissermaßen unseren zweiten Einzug darin hielten."

III. Zeit: 1925 bis 1932
Der innere Ausbau der Schule in diesen Jahren stand im Zeichen der Schulreform von 1925, die die alten Sprachen zurückdrängte – statt der 8 Wochenstunden Lateinunterricht in den Klassen VI bis OIII und der 7 Wochenstunden in den Klassen UII bis OI jetzt nur 7 (Klassen VI bis IV) bzw. 6 (Klassen UIII und OIII) und nur 5 Wochenstunden in den Klassen UII bis OI – und die Fächer Deutsch, Geschichte und Erdkunde stärkte. "Der Unterricht in den neueren Sprachen litt in den zwanziger Jahren unter dem mehrfachen Wechsel der Anfangssprache. Bis 1923 wurde mit Französisch begonnen, ab Ostern 1923 wurde jedoch – wohl auch aus politischen Gründen – die Umstellung auf Englisch als erster neuer Fremdsprache angeordnet. Ostern 1927 kehrte man zum Französischen zurück."
"Einen großen Aufschwung nahm jetzt das Schülerrudern. Die Entwicklung des bestehenden Schülerrudervereins war durch äußere Schwierigkeiten bisher immer gehemmt gewesen: es fehlte ein eigenes Boot und Bootshaus und ein Ruderlehrer. Nun schlossen sich die Schüler der 1926 gegründeten Jugendriege des Ruderklubs Hansa an. Schon im nächsten Jahre erzielten die Mannschaften auf Regatten in Duisburg, Dortmund und Hameln schöne Erfolge. Im Herbst des Jahres 1927 erhielt die Schule endlich ein eigenes Boot, das auf den Namen 'Tannenberg' getauft wurde. Auch in den folgenden Jahren wurden viele Siege errungen und das Wanderrudern eifrig gepflegt."
Somit besteht bis heute, also über 80 Jahre lang, eine enge Verbindung zwischen dem Ruderclub Hansa und dem Reinoldus- und Schiller-Gymnasium.
Eine Aufstellung über die soziale Schichtung der Schülerschaft in diesen Jahren zeigt, dass die Eltern der meisten Schüler mittlere Beamte, Lehrer, Gewerbetreibende, Kaufleute und vielfach Bergleute waren. Die geringste Anzahl stellten höhere Beamte und freie akademische Berufe; nur je 20 Schüler von durchschnittlich 200 stammten in den Jahren 1925 bis 1927 aus solchen Familien. So traf der gelegentlich dem Gymnasium, vor allem dem humanistischen gegenüber erhobene Vorwurf, es sei eine "Standesschule", nur wenig zu. Nicht nur Kinder wohlhabender Eltern besuchten das Gymnasium. Manche Eltern waren - besonders verstärkt durch die wirtschaftliche Krise seit 1929 – nicht in der Lage, das Schulgeld pünktlich zu bezahlen, wie dem Bericht des Direktors Dr. Widmann aus dem Schuljahr 1929/30 zu entnehmen ist.

Welch andere Sorgen Dr. Widmann hinsichtlich seiner Schülerschaft hatte, zeigt derselbe Jahresbericht. Er offenbart auch, dass sich die Schulprobleme im Vergleich zu heute wenig verändert haben.
3. Wenn ein Schüler durch Krankheit oder sonstigen Grund verhindert ist, die Schule zu besuchen, so ist möglichst sofort dem Klassenleiter mit Angabe des Grundes schriftlich (nicht durch Fernsprecher) oder in sonst glaubwürdiger Form Anzeige zu erstatten. Die Eltern werden gebeten, diese Forderung der Schule, die im Interesse ihrer Söhne und der Schulordnung notwendig ist, gewissenhafter und pünktlicher zu erfüllen und nicht erst zu warten, bis die Schule anfragt. Bei der Rückkehr hat der Schüler, falls das bis dahin noch nicht geschehen ist, dem Klassenleiter eine schriftliche Entschuldigung seitens des Vaters oder dessen Stellvertreters unter Angabe der Dauer und des Grundes der Versäumnis vorzulegen und bei jedem Lehrer, dessen Stunden er versäumt hat, sich zu melden.
4. Urlaub vom Schulbesuche erteilt auf einen Tag (nur nicht im Anschluß an die Ferien) der Klassenleiter, für mehrere Tage oder im Anschluß an die Ferien der Direktor, dem der Grund durch den Klassenleiter zu übermitteln ist. Im übrigen werden die Eltern darauf aufmerksam gemacht, daß Urlaub im Anschluß an die Ferien, sei es Vor- oder Nachurlaub, nur in ganz dringenden Fällen, z. B. auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses, erteilt werden kann. Bei der großen Zahl von Ferientagen und den vielen sonstigen schulfreien Tagen im Laufe des Schuljahres muß die Schule unbedingt darauf bedacht sein, dass die Schüler auch vor den Ferien bis zur letzten Stunde aushalten und nach den Ferien pünktlich wieder zur Stelle sind. Das gehört zur Erziehung zur Pflichterfüllung.
5. Eine Befreiung vom Turnunterrichte und Spielnachmittage ist nur auf Grund eines amtsärztlichen Zeugnisses möglich. "Auch die Fahrschüler dürfen von der Teilnahme am Spielnachmittage nicht entbunden werden, da es sich um einen Teil des pflichtmäßigen Schulunterrichts handelt". (M. E. v. 24. Juni 1924 – U VI 788.) "Eines ärztlichen Zeugnisses bedarf es in solchen Fällen, in denen die zeitweise Behinderung für bestimmte Übungen, z. B. bei äußeren Verletzungen u. dergl. ohne weiteres erkennbar ist". (M. E. v. 24. Januar 1920 – U III B 7827.) Desgl. Ist eine Befreiung vom Musikunterricht nicht zulässig (M. E. v. 14. April 1924 – U II 436.)
6. An dieser Stelle seien die Eltern auch darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, mit der Schule in steter Fühlung zu bleiben. Das ist jetzt von besonderer Wichtigkeit, da die Anzahl der schriftlichen Arbeiten vermindert ist, und die Eltern allein aus diesen sich nicht über die Fortschritte unterrichten können. Die Eltern wollen deshalb frühzeitig innerhalb der einzelnen Dritteljahre durch Rücksprache mit den Lehrern über Fortschritte, Fleiß und Betragen ihrer Söhne Erkundigungen einziehen. Ein jeder Lehrer ist zur Auskunft gern bereit, doch empfiehlt es sich, dass die Eltern ihren Besuch vorher anmelden. Eine Tafel, die über die Sprechstunden der einzelnen Herren Auskunft gibt, ist im Flur des Gymnasialgebäudes aufgehängt. Es wird jedoch gebeten, die Herren nicht während der Unterrichtsstunde zu stören. Besuche kurz vor der Versetzung sind durchaus zwecklos und daher unerwünscht.
Uebrigens erhalten die Schüler nach jeder Klassenarbeit ihre Hefte für einige Tage mit
nach Hause. Die Eltern werden gebeten, sich diese Hefte von ihren Söhnen vorlegen zu
lassen und den Söhnen nicht ohne weiteres zu glauben, wenn diese behaupten, keine
Arbeit geschrieben oder das Heft nicht mitbekommen zu haben.
8. Die Eltern werden gebeten, ihren Söhnen die vorgeschriebene Turnkleidung anzuschaffen. Diese ist 1. gesünder. 2. Dadurch schonen die Schüler ihren Anzug. 3. Ohne ordnungsgemäße Turnkleidung lässt sich ein fachmäßiger Turnunterricht nicht durchführen.
9. Die Eltern werden dringend gebeten, den Söhnen nicht zuviel Frühstück in die Schule mitzugeben, jedenfalls aber den Kindern zur Pflicht zu machen, das, was vom Frühstück zuviel ist, wieder mit nach Hause zu bringen und es nicht einfach in der Schule unter der Bank liegen zu lassen oder fortzuwerfen.
10. Desgleichen bitten wir die Eltern den Theaterbesuch ihrer Söhne zu überwachen und ihnen nicht ohne weiteres den Besuch eines jeden Stückes zu gestatten. Ganz abgesehen von anderen Schäden ist es auch keine Frage, dass häufiger Besuch von Theatervorstellungen auf die Schüler zerstreuend wirkt und sie von ihrer eigentlichen Aufgabe und Arbeit ablenkt, was natürlich nicht ohne nachteiligen Einfluß auf die Leistungen bleibt.
11. Nicht minder sorgfältig mögen die Eltern ihre Söhne vor dem frühzeitigen und übermäßigen Genusse von Alkohol und Nikotin, besonders auch dem Zigarettenrauchen, zu bewahren zu suchen. Daher empfiehlt es sich, ihnen einerseits nicht zuviel Taschengeld zu geben, andererseits von ihnen Rechenschaft darüber zu fordern, wofür sie es ausgeben. In dieser Zeit der allgemeinen Not muß auch die Jugend zur Einschränkung, Sparsamkeit und Enthaltsamkeit erzogen werden. Deshalb wollen die Eltern auch ihren Söhnen zu Ausflügen und anderen Wanderungen nicht unnötig viel Geld mitgeben. Dadurch werden diese nur zu überflüssigen Ausgaben verführt. Es schadet dem Jungen gar nichts, wenn er einmal einen Tag ohne warmes Mittagessen ist. Die vorgeschriebenen Wanderungen sollen den Eltern keine besonderen Auslagen verursachen. Das ist nicht der Zweck der Sache und nicht im Sinne des Ministererlasses. Auch wünscht die Schule nicht, dass durch die Unterschiede im Geldausgeben die bedauerlichen sozialen Gegensätze schon in die ihr anvertraute Jugend hineingetragen werden.
12. Den Schülern der Unter- und Mittelstufe ist der Besuch von Wirtshäusern, Konditoreien und ähnlichen öffentlichen Lokalen ohne Begleitung und ohne Aufsicht von Angehörigen unbedingt verboten.
Untersagt ist allen Schülern das Rauchen auf der Straße, in der Eisenbahn,
der Elektrischen und dergleichen.


Am 11. Mai 1932 feierte die Schule ihr 25jähriges Bestehen, morgens mit einem feierlichen Levitenhochamt in der Liebfrauenkirche für die katholischen Schüler und mit einer Andacht in der Aula für die evangelischen Schüler, abends mit einem feierlichen Schulakt in der Aula.

IV. Zeit: 1933 bis 1945
"Mit der sog. Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte der Kampf gegen das Staatliche Gymnasium ein, das wegen seines klaren christlichen und konservativen, dem Nationalsozialismus zutiefst abgeneigten Charakters vielen ein Dorn im Auge war. Der Umsturz im politischen und wirtschaftlichen Leben zog einen folgenreichen Wandel im Leben der Schule nach sich. Er griff tief ein in das Wesen und die Qualität der höheren Schule. Die Jugend sollte, so hieß es, wieder zu einer 'arteigenen' Kultur geführt werden, die an die Reinkultur der nordischen Rasse anzuknüpfen hatte. Das deutsche Geistesleben der Vergangenheit wurde als der bisher gescheiterte Versuch angesehen, sich gegen jüdische, christliche und römische 'Verfremdung' zu wehren. Es galt, der Jugend eine 'einheitliche deutsche Bildung und Weltanschauung' zu geben.
[…] Die gegen das Staatliche Gymnasium arbeitenden Kräfte fanden eine Stütze in dem neuen Dezernenten der Anstalt, Oberschulrat Etterich (1936), der alles zu tun gewillt war und vor keinem Mittel zurückscheute, um der Anstalt ihren bisherigen Charakter als altsprachliche und christliche Schule zu nehmen." […] So wurde in einem Bericht des Kreisamtsleiters Beschwerde darüber geführt, daß das Staatl. Gymnasium "unter den höheren Schulen Dortmunds eine besondere Stellung ein[nimmt]. Es ist diejenige höhere Schule, bei der die geringste Mitarbeit von Lehrerschaft und Schülerschaft im Sinne des Nationalsozialismus festzustellen ist. Das zeigt sich einmal in der Anmeldung und Mitarbeit der Lehrer dieser Schule im NSLB, zum anderen darin, dass von der Schülerschaft der geringste Prozentsatz der HJ angehört". Es wurde ferner beklagt, "daß die HJ-Führer an der staatlichen Anstalt den schwersten Stand hätten und darum von ihren Eltern umgeschult werden müssten, daß alle Lehrer der Anstalt starke Bindungen an die frühere Zentrumspartei hätten" und "dass der weltanschauliche Unterricht in der Biologie und in Geschichte dort keineswegs nationalsozialistisch ausgerichtet sei."
Deshalb übernahm wohl Oberschulrat Etterich selbst – wie die beiden nachfolgenden Dokumente zeigen – den Vorsitz bei der mündlichen Abiturprüfung Ostern 1937 und machte bei der 'Vorberatung' des Lehrerkollegiums deutlich, dass 'die Erziehung des Schülers zum politischen Menschen ein Hauptziel der neuen Erziehung sei.'




Vermutlich um das Staatliche Gymnasium vor der Benennung mit dem Namen eines nationalsozialistischen Führers zu bewahren, hatte der Direktor im Einvernehmen mit dem Kollegium den Titel "Albert Leo Schlageter-Gymnasium" beantragt. Schlageter, ein Freikorpsoffizier, war 1922 der NSDAP beigetreten und verübte während des Ruhrkampfes Anschläge auf Verkehrswege. Nach seiner Verhaftung im April 1923 wurde er deshalb von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Schlageter wurde zur Symbolfigur der nationalsozialistischen Propaganda und fortan als Märtyrer der nationalsozialistischen Bewegung geehrt. Das Staatliche Gymnasium erhielt diese Benennung auch, und es hieß so bis 1945.
"[Aber] bereits zu Ostern 1937 wurde das Staat. Gymnasium ohne Befragung und gegen den Willen der Lehrer und der meisten Eltern und Schüler in eine Oberschule umgewandelt," um nur das Hitler-Gymnasium (ehem. Stadtgymnasium) als einziges Gymnasium in Dortmund zu haben.
Im Sommer desselben Jahres wurde der langjährige, verdiente Leiter der Anstalt, […] Dr. Widmann, als 'untragbar' entfernt und nach gut halbjährigem Interregnum […] zu Ostern 1938 ein 'alter' Kämpfer der Partei[…] als neuer Schulleiter eingeführt und bald als Direktor bestätigt."
"[…] Der Unterricht wurde in allen Fächern parteipolitisch-militaristisch-ausgerichtet und schärfer überwacht, die Hitlerjugend übernahm einen steigenden Anteil an der körperlichen und weltanschaulichen Erziehung der Schüler, politische Bespitzelung und Denunziationen der Lehrer durch Schüler waren nicht selten. […]
Das Lehrerkollegium war nach einer Umstrukturierung nicht mehr einheitlich und von gegenseitigem Misstrauen erfüllt. Das Führerprinzip ließ der Lehrerkonferenz nur noch eine beratende Funktion, ja oft wurde sie nur zum Befehlsempfang berufen."
"Die Beanspruchung der Kinder für außerschulische Zwecke nahm immer mehr zu. Die Schulzeit wurde auf 8 Jahre herabgesetzt. Der evangelische Religionsunterricht wurde […] ganz aufgegeben, der katholische nur bei Schülern bis zu 14 Jahren in beschränktem Maße durchgeführt. Bei den Reifeprüfungen waren parteipolitische Kenntnisse und Gesinnung, sowie aktive Betätigung in der Hitlerjugend und Partei wesentliche Voraussetzungen für die Zuerkennung der Reife."
So sagte 1943 ein HJ-Bannführer zu dem Studienrat Stöber: 'Wir verlangen von Ihnen keine Musterschüler, sondern rauhe Kämpfer und tüchtige Stoßtruppenführer.'
Die zunehmenden Luftangriffe auf das Ruhrgebiet führten dazu, dass die Dortmunder Schüler in sog. "Kinderlandverschickungsorte und –lager" verlegt wurden. Das Staatliche Gymnasium führte ab Mai 1943 seinen Schulbetrieb für 5 Monate in dem westpreußischen Fischer- und Badeort Kahlberg an der "Frischen Nehrung" durch.
Dort ereignete sich infolge mangelnder Aufsicht durch die Hitlerjugendführer ein schweres Badeunglück, bei dem vier Sextaner in der nahen Ostsee ertranken.
"Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt [der] Schülergruppen auf großen Landgütern des westpreußischen Korridorgebietes, um bei der […] Kartoffelernte zu helfen, musste die staatliche Oberschule aus dem Sommerlager Kahlberg im Oktober 1943 in das […] Seebad Habichtsberg, am Eingang der Halbinsel Hela gelegen, übersiedeln."
Das Weihnachtsfest 1943 konnten die Schüler nach der Rückverlegung der Schule nach Dortmund wieder im Kreise ihrer Familien feiern. Doch weil die wachsende Luftbedrohung Dortmunds keinen regulären Schulunterricht mehr ermöglichte, "wurde der staatlichen Oberschule im Februar 1944 ein Holzbarackenlager in Wagshurst unweit Offenburg in Mittelbaden als neue Bleibe zugewiesen."
Nach der Landung der alliierten Truppen in der Normandie beherrschten die alliierten Tiefflieger bald auch "den elsässisch-badischen Luftraum, störten jeglichen Verkehr auf deutscher Seite, verbreiteten Schrecken in Stadt und Land und griffen eines Tages auch [das] Lager [in Wagshurst] an. […] Neben mancherlei Sachschäden [war] ein Todesopfer zu beklagen. Ein Quintaner, der sich noch durch die Flucht retten wollte, wurde von einer Maschinengewehrkugel im Nacken getroffen […] In der Verwirrung jener Tage starb noch ein Sextaner, der bei rechtzeitiger ärztlicher Hilfe vielleicht noch hätte gerettet werden können, im Krankenhaus zu Offenburg an Diphtherie."
Da die Front im Westen immer näher rückte, wechselte die staatliche Oberschule im Oktober 1944 abermals den Lagerort und bezog jetzt Quartiere in Titisee auf dem Hochschwarzwald. Heftige Luftkämpfe in diesem Gebiet führten Anfang Dezember 1944 zu einer Umsiedlung nach Oberstdorf, wo man das Ende des Krieges abwartete.
Von Mai bis Juni 1945 schlugen sich viele Schüler zu zweit oder in kleineren Gruppen unter abenteuerlichen Bedin-gungen nach Dortmund durch. Ein Teil der Schüler wurde von ihren Lehrern unter mancherlei Schwierigkeiten heimgeleitet.
"An eine sofortige Wiederaufnah-me des Unterrichtes war [in Dortmund] nicht zu denken. Alle Lehrer - auch die Nichtparteigenossen - wurden zuerst vom Unterricht suspendiert, die Gehälter seit Juni 1945 nicht mehr ausgezahlt. Das Schulgebäude an der Lindemannstraße war zur Ruine geworden."

V. Zeit: 1945 bis 1957
1945 lag ein großer Teil Dortmunds in Schutt und Trümmern. Was 1918 nach dem Ersten Weltkrieg trotz aller Not noch vorhanden war, fehlte 1945: Schulgebäude in unzerstörten Städten. Keine der höheren Schulen Dortmunds hat im Jahre 1945 den Unterricht wieder aufnehmen können.
Erst im Februar 1946 wurde der staatlichen Oberschule die Genehmigung zur Wiederaufnahme des Unterrichts erteilt. Am 6. April 1946 begann sie wieder als erste höhere Schule Dortmunds mit dem Unterricht, und zwar in der stillgelegten Zeche Germania in Dortmund-Marten. Schüler und Lehrer fuhren in überfüllten Straßenbahnwagen aus der Innenstadt dorthin und wurden in den schulischen Notunterkünften unter primitivsten Bedingungen unterrichtet, wie der Bericht des Studienrats Wille Schenk anschaulich verdeutlicht.
"Auf Weisung der Schulbehörde in Münster trat ich zu Ostern 1947 zum Kollegium des Staatlichen Gymnasiums. Es bedurfte mannigfacher Umfrage bei privaten und amtlichen Stellen, um das Staatliche Gymnasium überhaupt zu finden. Am alten Schulort in der Lindemannstraße standen nur noch Trümmer. Nach langem Suchen entdeckte ich zu meinem Erstaunen die Schule in einem Betriebsgebäude der Zeche Germania in Marten. Allerdings, an eine Schule fühlte man sich beim Anblick der Gebäude nicht erinnert.
Von dem sehr schmalen Bürgersteig mit angrenzendem Straßenbahngeleise der Linie 12 gelangte man nach Öffnen einer Tür unmittelbar in eine geräumige Betriebshalle, den Klassenraum der Vl. Als ich später darin unterrichtete, machte sich das mehrfache Echo in dem großen Raum sehr störend bemerkbar. Es herrschte außerdem reger 'Publikumsverkehr', da die Tür zur VI von der Offentlichkeit als Zutritt zur Zeche angesehen wurde. Unmittelbar angrenzend lagen die Behausungen der V und IV. Dazwischen erfreute sich ein winziger, offener Raum seiner Bedeutung als 'Lehrerzimmer'. Als einziges Inventar wies es einen Tisch auf. Von der Decke tropfte ständig Wasser aus der darüber liegenden Waschkaue, so daß sich auf dem unebenen Fußboden ständig Wasserpfützen befanden. Heimchen zirpten unverdrossen ihre Liedchen, und von Wand zu Wand nahmen Schwalben und Kakerlaken an den Rändern der Wasserlachen vorbei hastig und verstohlen Stellungswechsel vor. Die Unterrichtsräume der Mittelstufe befanden sich im ersten Stockwerk des Betriebsgebäudes. Ehemals drängten sich hier Bergleute zur Seileinfahrt. Sie warteten in diesen gedeckten, schmalen Gängen, die jetzt mit Behelfstüren zu 'Klassenräumen' umgewandelt worden waren. Hier saßen die Jungen zum größten Teil in einer Reihe auf einer langen Bank ohne Lehne. Quer über dem Fußboden lagen dicke Balken als Widerlager für die durch Bomben zerschlagene Decke des Erdgeschosses. In den kleinen Eisenfenstern konnte man nur einen Ausschnitt von etwa 30 mal 30 cm öffnen. In dem kohlenknappen Winter war es in den 'Klassenräumen' sehr mollig, überwarm sogar, die Luft allerdings immer verbraucht. Im Sommer blies selbst bei großer Hitze die Zechenverwaltung heißen Wasserdampf in das Heizsystem; abstellbar waren die Heizkörper aber nicht, weil die Ventile eingerostet waren. Durch die unerträgliche Hitze und den Frischluftmangel zeigten sich bei den Schülern schon in der ersten Unterrichtsstunde starke Ermüdungserscheinungen, später sanken die meisten in sich zusammen und lagen mit dem Kopf auf der Bank."

Gleichzeitig schafften Eltern, Lehrer und Schüler in Eigenregie einen Teilwiederaufbau des Schulgebäudes an der Lindemannstraße, so dass im August 1948 ein Teil wieder bezogen werden konnte. Zwar litt man immer noch unter Raumnot, aber jede Klasse hatte doch wieder ihren eigenen Klassenraum. Nach der Währungsreform von 1948, die eine rege Bautätigkeit hervorrief, wurde die Schule dann bis zum Schuljahr 1950/51 wieder aufgebaut.

















Seit Ostern 1950 trug sie den Namen "Staatliches altsprachliches Gymnasium".
Auch das innere Leben der Schule entwickelte sich in diesen Jahren. Ein Elternrat wurde gebildet, Elternversammlungen traten häufiger zusammen, und eine verstärkte Mitverwaltung der Schüler wurde eingeleitet. Ihre Zahl lag nach dem Krieg stets um 300, wobei die evangelischen Schüler im Vergleich zu früher zahlenmäßig stark zugenommen hatten und etwa 40 % der Gesamtschülerschaft ausmachten. Auch das Lehrerkollegium erhielt mehrere evangelische Lehrkräfte.
Das erste regelrechte Abitur (nach neunjährigem Besuch der höheren Schule) fand nach elfjähriger Unterbrechung am 22./23.02.1949 statt. Alle 22 Oberprimaner bestanden die Prüfungen. Wegen des starken Andrangs zu den Universitäten berechtigte das Reifezeugnis nicht ohne weiteres zum Besuch der Universität. Nur vier (!) Abiturienten erhielten die sofortige Zulassung zum Studium. Nach wenigen Jahren wurde diese zwar notwendige, aber für viele Abiturienten bittere Beschränkung wieder aufgehoben.
Doch 1952 traf die Schule ein weiterer schwerer Schlag. "Auf Anordnung der Schulbehörde musste ab Ostern 1952 das Staatliche Gymnasium sein Gebäude mit dem städtischen Leibnizgymnasium teilen, das aus Klassen des Max-Planck- und des Helmholtzgymnasiums neu gebildet war. Damit wurde von nun an doppelschichtiger Unterricht notwendig, der in einem Monat unserer Anstalt, im folgenden dem Leibnizgymnasium Nachmittagsunterricht aufbürdete." Diese Doppelbelegung brachte zahlreiche organisatorische, disziplinäre und leistungsmäßige Probleme mit sich und dauerte ca. 5 Jahre, d.h. bis zur Feier des 50jährigen Bestehens des Staatlichen Gymnasiums.
Seine wechselvolle Geschichte von 1907 bis 1957 wird deutlich in dem z. T. unten abgedruckten Vorwort zur damaligen Festschrift, das der Direktor Theodor Janßen, der von Oktober 1955 bis 1969 die Schule leitete, verfasst hat:
"[…] Das ist gewiß der nächste Sinn unserer Feier: den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu wahren. Werden wir doch den Weg durch die Gegenwart in die Zukunft hinein nur finden und sicher gehen können, wenn wir uns wie bei aller kulturellen Arbeit, so erst recht bei der Bildungsarbeit der Schule der Vergangenheit bewußt sind und bleiben. Noch immer steht auch uns der Wahlspruch, den die Gründer einst unserer Schule gaben, als gültiges Wegzeichen voran: Deo - Musis - Patriae! [...]
Das Schuljubiläum fällt zeitlich zusammen mit einem für das Leben unserer Anstalt( bedeutungsvollen Ereignis. Nachdem bereits vor einigen Jahren unsere Schule den Charakter als altsprachliches Gymnasium, der ihr in wirren Zeiten genommen war, zurückerhalten hatte und damit ihre alte innere Form und Prägung, konnte sie nun vor wenigen Wochen auch die äußeren Hemmnisse und Beschwerden, unter denen sie als einer Folge von Krieg und Zerstörung seit Jahren hatte leiden müssen, endlich überwinden: die Not des Schichtunterrichts liegt hinter uns. Kein schöneres Geschenk konnte in der Tat der Schule zur Jubelfeier gemacht werden! In eigenartiger Wiederholung des Geschehens hat das Staatliche Gymnasium zweimal nach den verlorenen Kriegen die Not seiner Heimatstadt mittragen müssen und schwere Opfer für sie auf sich genommen.: als es sein Schulgebäude nach dem ersten Weltkrieg für die Dortmunder Schutzpolizei räumen und von 1952 an mit dem städtischen Leibnizgymnasium teilen mußte. Möge die gemeinsam getragene Not das Verhältnis der Schule zu der Heimatstadt und ihrer Bevölkerung noch enger und freundlicher gestalten! [...]
Wir wissen nicht, wie sich das Schicksal unserer Schule in kommenden Jahren gestalten mag. Wir hoffen und vertrauen, daß sie mit der ausdauernden Kraft, die sie im Auf -und Ab der ersten 50 Jahre wahrlich bewiesen hat, trotz der ungünstigen Lebensbedingungen, die sich für das altsprachliche Gymnasium ankündigen, auch die Zukunft meistern wird. Möge auch im zweiten Halbjahrhundert ihre Arbeit gesegnet sein, damit sie die ihr anvertraute Jugend unter Anknüpfung an das abendländische, von Antike und Christentum bestimmte Geisteserbe zu innerlich freien, klar denkenden und selbständig urteilenden, in christlicher Weltanschauung fest verwurzelten Menschen zu bilden vermag!"






















Dieses von dem Direktor Theodor Janßen gewünschte Bildungsziel, die Erziehung des Schülers zu einem "innerlich freien und selbstständig urteilenden Menschen" wurde auch von den Schülern selbst angestrebt. In ihrer im Juni 1959 herausgegebenen Schülerzeitung "Die Bremse" machten sie es deutlich. Es war ihre Absicht, "die gesamte Schülerschaft von einer unwürdigen Pennälerhaltung wegzuführen, einer Haltung, die darin Genüge findet, sich das Ausmaß der geistigen Betätigung von der Schule vorschreiben zu lassen ... Wir wollen in aller Bescheidenheit und Sachlichkeit in den Grenzen, die uns als Schüler gesetzt sind, ein echtes geistiges Leben zu entfalten versuchen."
Der Schulleiter, der selbst Latein und Griechisch lehrte, gratulierte den Herausgebern der Schülerzeitung folgendermaßen:
"Die uns vorliegenden Hefte vom Juni und September 1959 machen einen vielversprechen-den Eindruck. Die Titelseite zeigt den alten Sokrates mit einer Pferdebremse. Sokrates hat sich einmal mit einem solchen Insekt verglichen. Wie dieser alte Grieche seine Mitbürger aus geistiger Trägheit, Gedankenlosigkeit und satter Selbstzufriedenheit immer wieder aufscheuchte und sie im gemeinsamen Gespräch zu einem ständigen Suchen nach neuen Erkenntnissen veranlasste, so soll es auch Ziel [dieser] Schülerzeitung sein."

Wie wichtig der Schülerschaft es war, eine solche "Bremse" im Schulleben zu sein, offenbarte der Rudertag des Ruderclubs Hansa. Die WAZ schrieb am 15.05.1960 unter der Überschrift
Um die christliche Grundlage des Schüler-bildes zu gewährleisten, feierten die katholischen Schüler einmal in der Woche in der ersten Stunde die Hl. Messe – zunächst in der Heilig-Geist-Kirche, später in der Aula – und die evangelischen Schüler einen Wortgottesdienst im Musiksaal. Im April 1960 führte man eine "religiöse Schulwoche" durch. Gleichzeitig rief die Schülerschaft zu Spenden für die Opfer einer Vergiftungskatastrophe in Marokko und des Algerienkrieges auf. Sie war, wie diese karitativen Aktionen zeigen, sehr rührig und politisch interessiert. SMV -Tage gehörten in diesen Jahren mit einem für die Unter-, Mittel- und Obersufe abwechslungsreichen Programm zum Schulalltag. Der Bericht über den SMV-Tag von 1960 machte es eindrucksvoll deutlich. Hervorzuheben ist hier die Diskussion für die Oberstufenschüler über das Thema: "Schluss mit den KZ-Prozessen?". 1961 stand für die älteren Schüler ein Vortrag über die Gewerkschaften auf dem Programm, für die Mittelstufe die Verfilmung des Romans "Animal Farm" von George Orwell.
Die Worte des Schulleiters Theodor Janßen in der Festschrift von 1957 hatten in der Schülerschaft ein nachhaltiges Echo gefunden.





















War es bei dieser politisch interessierten und aktiven Schülerschaft erstaunlich, dass Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre die Studentenunruhen auch das Staatliche Gymnasium so hart trafen? Die Oberstufenschüler boykottierten den Unterricht, wenn sie sich über die Unterrichtsweise oder das Verhalten eines Lehrers ärgerten, und verlangten eine Aussprache. Sie wollten z. B. im Fach Geschichte bei dem Thema "Italienischer Faschismus" vor Beginn der Unterrichtsreihe Sinn und Ziel dieses Themas erklärt haben.
Verlangt wurde dies auch in einem "SMV-Papier" aus diesen Jahren: "[Die Klassensprecher] veranlassen zu Beginn jeden Schuljahres den jeweiligen Fachlehrer, den anstehenden Unterrichtsstoff zu besprechen." Dort hieß es z. B. im Bezug auf:
a) den Schülerrat (SR):
"Der SR tritt grundsätzlich einmal im Monat zu einer eigens dafür eingerichteten Freistunde innerhalb der allgemeinen Unterrichtszeit zusammen. An diesen regelmäßigen Sitzungen kann grundsätzlich jeder Schüler teilnehmen [...."
b) die Fachschaften:
"Die Arbeit der Fachschaften soll eine qualifizierte Mitarbeit ihrer Mitglieder in den einzelnen Klassen ermöglichen, z. B. Bei der Diskussion der Benotungskriterien [...].
Die Fachschaften können innerhalb der allgemeinen Unterrichtszeit tagen."
c) die Verfügungsstufe:
"Die Verfügungsstude gibt Raum für das Gespräch in der Klasse. In ihr werden schulische und klasseninterne Fragen besprochen und abgestimmt. In den Verfügunsstunden hat der Lehrer auf Wunsch der Klasse (einfache Mehheit) den Raum zu verlassen."

d) den Vermittlungsausschuss (VA)
"Der VA ist vermittelndes Organ bei Streitigkeiten zwischen SMV und der Schulleitung. Er besteht aus drei Schülern und drei Lehrern, darunter einer der Schülersprecher und der Schulleiter. Seine Entscheidung ist verbindlich [...]. Wenn bei Stimmengleichheit trotz zweimaliger Vertagung keine Einigung erzielt werden kann, wird der VA neu besetzt."
e) die Meinungsfreiheit.
"Die Schüler können in Wort und Schrift frei ihre Meinung innerhalb und außerhalb des Unterrichts äußern. Sie haben das Recht, Schülerzeitungen und Flugblätter herauszugeben, die von der Schulleitung nicht zensiert werden. Beschwerden über Behinderungen bei der Ausführung dieses Rechtes können dem SR vorgetragen werden."

Welch psychischer Druck lastete in dieser schwierigen Zeit auf manchem Kollegen! Pädagogische Konferenzen waren über Monate an der Tagesordnung. Der damalige Direktor , Dr. Clemens Willeke, der seit 1970 bis zu seinem Tode 1980 das Gymnasium geleitet hat, und besonders sein Freund und Stellvertreter, Dieter Bartsch, haben es durch ihre ständige Gesprächsbereitschaft, durch ihr freundliches, aber auch konsequentes Verhalten und durch ihren Humor geschafft, die Wogen zu glätten. Die Schüler fühlten sich als heranwachsende Persönlichkeiten mit ihren Sorgen und Kritiken ernstgenommen.
Zu dieser Beruhigung haben auch zahlreiche Gespräche anderer Kollegen mit den Schülern - besonders erwähnt seien hier Winfried Mertens und Werner Scheuffgen - beigetragen, nicht zuletzt aber auch der Umzug von der Lindemannstraße nach Dorstfeld, aus der lärmerfüllten Atmosphäre an der Hauptverkehrsstraße in das Naturschutzgebiet in der Hallerey.
Aufgrund der Unkonzentriertheit und Nervosität durch die zunehmende Lärmbelästigung bei Lehrern und Schülern war ein Schulbau dringend notwendig geworden. Der Umzug fand vom 3. bis zum 5. Mai 1973 statt. Die gute räumliche Situation und die innere Ausstattung des neuen Schulgebäudes wurden als sehr angenehm empfunden. Andererseits zogen mit dem neuen Schuljahr 10 Klassen der Wilhelm-Busch-Realschule mit in das Gebäude ein, was zu einer drangvollen Enge führte.
Am 1. Januar 1974 ging das ehemals Staatliche Gymnasium in die Trägerschaft der Stadt Dortmund über. Diese gab auf Vorschlag der Gesamtkonferenz der jetzt städtischen Schule den Namen "Reinoldus-Gymnasium für Jungen und Mädchen". So begann die Koedukation.
Das 75jährige Schuljubiläum wurde 1982 – trotz des Brandschadens im Januar desselben Jahres, der viele Schulakten vernichtete – im Rahmen eines großen Schulfestes mit vielen verschiedenen Aktivitäten in Sport und Spiel gefeiert. Den Festvortag hielt der Altphilologe Professor Manfred Fuhrmann mit dem Thema: "Cicero: Über Macht und Ohnmacht eines Intellektuellen in der Politik." Für Professor Fuhrmann ist es 1982 – trotz der damals weitverbreiteten Ablehnung der alen Sprachen – wichtig, "die Kontinuität zu wahren – Deo, Musis und [in Abwandlung zur Gründungszeit der Schule] Humanitati", d.h. den Schülerinnen und Schülern christliche Werte, wissenschaftliche Bildung und menschliches Verhalten zu vermitteln und zu hoffen, dass "der Wert", der die humanistische Bildung "für das Ganze der Gesellschaft hat, dereinst auch bei anderen wieder mehr Anerkennung findet".
Das Jubiläum fand seinen Abschluss mit einem festlichen Abendball im PZ und weiteren Räumlichkeiten des Schulgebäudes.

VII. Zeit: 1982 bis 1986
Die Schülerzahlen, die zu Beginn der 80er Jahre zunehmend geringer wurde, führten zunächst zu einer Kooperation in der Oberstufe mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Schiller-Gymnasium. So wollte man den Schülern beider Schulen eine umfangrei-chere Kurswahl ermöglichen. Auf Betreiben der beiden Schulkonferenzen erfolgte am 1. August 1986 die Zusammenlegung der beiden traditionsreichen Gymnasien zu einer gemeinsamen Schule mit dem neuen und jetzt gültigen Namen "Reinoldus- und Schiller-Gymnasium".
Diese Zusammenlegung ist nach anfänglichen menschlichen Irritationen in den vereinigten Kollegien unter dem Direktor Klaus Köhler, der seit dem Schuljahr 1981/1982 die Leitung des Reinoldus-Gymnasium innehatte – der ehemalige Leiter des Schiller-Gymnasiusm, Werner Hebers, wurde in die Schulaufsicht nach Arnsberg berufen – in den Folgejahren gelungen.




Nils Kowalewski
Heiner Laumann
Walter Lehner
Gerhard Limberg